Digitales Leben

Heute war wieder so ein schöner Tag. Ich stehe, seit unser Zweiter da ist, eigentlich jeden Morgen mit dem Großen auf. An guten Tagen ist das dann so um 7:30 Uhr, an schlechten um 6:30. Mein Sohn ist da ziemlich zuverlässig. Dann wird erst mal gefrühstückt, also eigentlich nimmt nur er etwas zu sich, ich versuche die Energie irgendwie in den Bahnen zu halten. Beim Großen ist es eigentlich seit dem ich denken kann so, dass er, sobald er die Augen auf hat, auch schon zu reden anfängt. Wir haben jetzt sogar festgestellt, dass er im Schlaf redet. Also Augen auf, los gequasselt und dann wird die Wohnung gestürmt. Wenn ich jetzt so darüber nachdenke, habe ich meinen Sohn schon lange nicht mehr langsam gehen sehen. Entweder er rennt oder er steht. Digitales Leben, an und aus, 1 und 0. Da muss man erstmal Schritt halten um 7:00 Uhr am Morgen.

Nach dem Frühstück müssen schnell noch alle Spielzeugkisten im Kinderzimmer ausgekippt werden, getarnt wird dieses Manöver als Suche nach dem einen bestimmten Rennauto. In den meisten Fällen lasse ich ihn gewähren und räume dann später halt kurz oder lang das Kinderzimmer auf. Mein Streben nach Konflikten ist schon unter normalen Umständen eher gering und morgens nahezu im Minusbereich.
Anschließend hat der Große, unter normalen Umständen, ziemlich Lust auf seine KiTa und steht auch schonmal im Schlafanzug im Hausflur und ruft durchs Treppenhaus:“Los geht’s, Papa! Kindagarden!“

Nur unter Protest gelingt es mir ihm die Zähne zu putzen und ihn anzuziehen. Aber dann geht es los.
In der KiTa angekommen geht dann meist der Treppensteig-Krieg los. In solchen Situationen sind Kompromisse meine Waffe, mit der ich es schaffe ohne schreiendes Kind im zweiten Stock anzukommen. Ich trage ihn die Hälfte, die andere Hälfte schiebe ich ihn. So schwer es auch war in seiner Gruppe anzukommen, umso schneller lässt er mich dann alleine stehen. Es gibt wirklich Tage an denen schaffe ich es nur mit Mühe ihm die Jacke und Schuhe auszuziehen, dann rennt er auch schon los. Ich versuche souverän mit einer Hand alles ordentlich am Garderobenplatz zu hinterlassen, mit der anderen fische ich nach meinem rennenden Sohn. Beides gelingt nur halb, aber es ist beruhigend zu sehen, dass auch die Jacken der anderen Kinder nicht immer ordentlich an den Haken hängen. Auf dem Flur erwische ich mein Sprinterkind und kann ihm noch seine Hausschuhe anziehen, dann ist er weg. Ein Winken nach hinten den Blick nach vorne und ein gehauchtes Tschüss ist alles, was ich noch als Aufmerksamkeit erhalte.

Doch daraus mache ich kein Drama, denn wenn ich ein paar Stunden später wieder in diesem Flur stehe, rennt der Große freudestrahlend auf mich zu und ruft aus voller Kehle:“Papa!“ Das macht die sparsame Verabschiedung locker wieder wett.

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