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Apr 28

Wieviel Spießer steckt in dir?

Ich habe mich in den letzten Jahren häufig über meine Frau und ihre Mitgliedskarte für die Deutschen Jugendherbergen lustig gemacht. Immer wieder bekam ich die gleiche Antwort: Irgendwann werden wir sie brauchen. Ich hielt es immer für einen kostspieligen Scherz. Und dann eines Tages (ich wollte schon wieder, nachdem ein Schreiben von diesem Verband gekommen war, alle Beiträge zusammen rechnen und zeigen wieviele Male man davon in Pauschalurlaub hätte fahren können) eröffnete mir meine Liebste, dass Sie ein paar Tage an der Ostsee gebucht hätte. Und ja, in einer Jugendherberge – Familienzimmer!
Der Urlaub begann wie immer, hektisches Packen kurz vor Abreise, schreiende Kinder, Verpflegung organisieren und verderbliche Lebensmittel entsorgen. Zum Glück haben wir in all den Jahren unsere Pflanzen so heran gezogen, dass sie mit sehr wenig Wasser haushalten und wahrscheinlich gar nicht bemerken, dass wir weg sind.
Unser Zimmer konnten wir nach dem Überwinden einer kleinen Hürde beziehen, und mit folgendem Satz: „Essen gibt es um 8:00, 12:00, 18:00 und abgeschlossen wird um 22:00 Uhr!“, war ich wieder 16 Jahre alt.
Auch die ersten Mitinsassen (die waren demnach ungefähr gleich alt), die wir trafen waren freundlich und rücksichtsvoll. Es schien ein schöner Urlaub zu werden. Doch dann kamen sie: Zwei bis drei Klassen aus der wohl schlimmsten Schule Hamburgs. Anfangs war noch alles friedlich, denn auch sie waren hauptsächlich mit sich selbst beschäftigt. Doch als der Abend begann eskalierte die Situation. Türen wurden so laut geknallt, dass bei uns die Scheiben zitterten, es wurde geschrien und auf den Fluren getobt.
Was macht man da bloß? Abwarten? Sich bei den Lehrern beschweren? Die Heimleitung in Kenntnis setzen? Oder gleich Polizei bzw. Ordnungsamt?
Gut, Letzteres viel weg, da ich kein Handynetz hatte und das für meine Verhältnisse auch etwas überzogen schien. Die Heimleitung (ein netter älterer Herr) musste auch nicht aus seinem Häuschen geholt werden, also blieb nur, sich selbst der Sache anzunehmen, damit der Große in Ruhe weiterschlafen konnte.
Der erste Jugendliche, der mir begegnete wurde über den Verbleib der Lehrkörper ausgefragt. Die Antwort war ernüchternd, „mir scheißegal!“ Ich war kurz ausgebremst, dann erinnerte ich mich an meine Jugend und ich hätte auch nicht sagen können, wo sich mein Lehrer aufhielt. Wahrscheinlich wäre meine Wortwahl etwas höflicher gewesen, aber vielleicht ist das ja die neue Jugendsprache. Nach weiterem Suchen fand ich vier Lehrerinnen in einem Aufenthaltsraum fröhlich beieinander sitzend. Meine Begrüßung viel kurz aus, ich wurde mit jedem Wort irgendwie ungeduldiger.

Ich: „Entschuldigung, zu wem gehört der Haufen da draußen?“

Lehrerin: „Sie meinen meine Schüler?“

Ich: „Wenn Sie sie so nennen wollen! Ich möchte, dass mein Sohn weiterschläft, geht das leiser?“
Erschrocken, mit welcher Energie ich die Worte hervor brachte, stand ich da. Die Lehrerinnen standen auf und versicherten mir, ihr Möglichstes zu tun. Ich dankte und ging zurück in unser Zimmer. Meine Liebste erwartete mich und sah mich mit großen Augen an. „Liebste, wann bin ich eigentlich so ein Spießer geworden?“
Gestern war ich doch im Kopf selbst noch 16 und habe mit Türen geknallt, Erwachsene für doof gehalten und Spießer verachtet. Und heute? Kaum hat man Kinder, dauernd Sorgen ums Geld und einen Haufen Verpflichtungen mutiert man selbst zum Spießer. Kleines Häuschen mit Garten, jeden Samstag Rasen mähen, zwei Autos und Gründungsmitglied des Nachbarschaftsvereins.

Naja, ganz soweit muss es ja nicht kommen.

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